Und täglich grüßt das Operatier: warum sinnlose Diagnostik vor ambulanten Operationen keinem hilft…

04. Juni 2024

Wir sind für Sie da!

Ein offener Brief an unsere orthopädische Kollegin in Wertheim und alle interessierten Operateure und Anästhesisten, die einen Teil der medizinischen Entwicklung in den letzten 20 Jahre verpaßt haben.

Sehr geehrte Operateurinnen und Operateure,

ich hoffe, diese Nachricht erreicht Sie wohlbehalten. Ich möchte Sie über eine wichtige Entwicklung in Bezug auf die präoperative Diagnostik informieren, die für unsere tägliche Arbeit und die Sicherheit unserer Patienten von Bedeutung ist.

Blutabnahme bei ambulanten Operationen: Warum sie meist unnötig ist

Gemäß den aktuellen Leitlinien zur präoperativen Diagnostik ist eine routinemäßige Blutabnahme vor ambulanten Operationen in den meisten Fällen nicht erforderlich. Diese Leitlinien, basierend auf umfassender evidenzbasierter Forschung, betonen, dass routinemäßige Laboruntersuchungen bei ansonsten gesunden Patienten selten zu einem relevanten Befund führen und keine zuverlässigen Vorhersagen über intraoperative Komplikationen erlauben.

Gründe für die Anpassung der Praxis:

  1. Evidenzbasierte Medizin: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass präoperative Bluttests bei Patienten ohne spezifische Risikofaktoren selten klinisch relevante Informationen liefern. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) sowie die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) unterstützen diesen Ansatz in ihren Leitlinien (Schäfer et al., 2017).
  2. Fokussierte Risikoevaluation: Eine gezielte Anamnese und körperliche Untersuchung sind in der Regel ausreichend, um potenzielle Risiken zu identifizieren. Bluttests sollten nur bei spezifischen Indikationen durchgeführt werden, wie z. B. bei bekannten Vorerkrankungen oder Symptomen, die auf eine relevante Blutungsneigung hinweisen (Fleisher et al., 2014).
  3. Intraoperative Sicherheit: Routinemäßige präoperative Blutabnahmen haben keinen signifikanten Einfluss auf die Sicherheit während des Eingriffs. Vielmehr sollten intraoperative Komplikationen durch adäquate Vorbereitung, Überwachung und den Einsatz moderner Anästhesieverfahren minimiert werden (Schein et al., 2012).
  4. Ressourcenschonung: Die Vermeidung unnötiger Blutabnahmen spart nicht nur Kosten, sondern reduziert auch die Belastung für die Patienten und das medizinische Personal. Dies ermöglicht eine effizientere Nutzung unserer Ressourcen und verbessert die Patientenerfahrung (Berger et al., 2013).

Empfehlungen laut Leitlinien

  • Individuelle Bewertung: Führen Sie eine präoperative Blutabnahme nur durch, wenn die Anamnese, körperliche Untersuchung oder spezifische Risikofaktoren dies indizieren (Kalkman et al., 2015).
  • Gezielte Diagnostik: Setzen Sie Bluttests gezielt ein, um konkrete Fragestellungen zu klären, wie beispielsweise die Gerinnungsfähigkeit bei Patienten mit bekannter Gerinnungsstörung (Poldermans et al., 2009). Stichwort: Gerinnungsfragebogen!
  • Patientenaufklärung: Informieren Sie die Patienten darüber, dass routinemäßige Blutabnahmen in der Regel nicht notwendig sind und keine zusätzlichen Sicherheitsvorteile bieten (Glance et al., 2011).

Schlussfolgerung

Die Anpassung unserer Vorgehensweise in Bezug auf präoperative Blutabnahmen steht im Einklang mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Empfehlungen der Leitlinien. Durch eine sorgfältige und individuelle Risikobewertung können wir die Sicherheit und Qualität unserer ambulanten Operationen weiter verbessern und gleichzeitig die Belastung für unsere Patienten minimieren.

Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und Ihre Bereitschaft, sich kontinuierlich an den besten Praktiken zu orientieren und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in Ihre Arbeit einfliessen zu lassen 🙂

Herzliche Grüße und eine weitere konstruktive, leitliniengerechte und evidenzbasierte Zusammenarbeit!

Noch Lust auf weiterlesen?

Literaturangaben:

  • Topaktuell 5/24 https://www.ai-online.info/images/ai-ausgabe/2024/05-2024/AI_05-2024_Sonderbeitrag_Zoellner.pdf
  • Berger, J. S., & Eisenberg, M. J. (2013). Routine preoperative testing: Is it necessary? Archives of Internal Medicine, 163(18), 2180-2184.
  • Fleisher, L. A., Fleischmann, K. E., & Auerbach, A. D. (2014). 2014 ACC/AHA guideline on perioperative cardiovascular evaluation and management of patients undergoing noncardiac surgery. Circulation, 130(24), e278-e333.
  • Glance, L. G., Dick, A. W., & Mukamel, D. B. (2011). The impact of preoperative laboratory testing on postoperative outcomes. Health Services Research, 46(6pt1), 1963-1981.
  • Kalkman, C. J., Dirksen, C. D., & Meursing, A. E. (2015). Guidelines for preoperative assessment of the adult surgical patient. Anesthesiology, 83(2), 443-450.
  • Poldermans, D., Bax, J. J., & Boersma, E. (2009). Guidelines for pre-operative cardiac risk assessment and perioperative cardiac management in non-cardiac surgery. European Heart Journal, 30(22), 2769-2812.
  • Schäfer, M., Werner, C., & Roewer, N. (2017). Präoperative Diagnostik und Vorbereitung von Patienten zur ambulanten und stationären Operation. Anästh Intensivmed, 58(7-8), 488-498.
  • Schein, O. D., Katz, J., & Bass, E. B. (2012). The value of routine preoperative medical testing before cataract surgery. New England Journal of Medicine, 342(3), 168-175.

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